Neugier oder die Regenwurmstrategie

© Daddy Cool - Fotolia.com

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In meiner Arbeit als Coach begegne ich immer wieder neugierigen Menschen. Für sie ist es schwierig, mit eingefahrenen Abläufen und in einem immer gleichen Alltag zu leben. Ohne Abwechslung sind sie schnell gelangweilt und und haben das Gefühl einzugehen wie eine Primel. Sie haben den Drang zu entdecken, suchen das Neue, lieben Input und Inspiration. Sie haben das Kind in sich bewahrt, für das Neugier ein völlig normaler Zustand ist. Das den Regenwurm aus der Erde bohrt und fasziniert beobachtet, wie das schrumpelige Ding versucht aus dem Sonnenlicht zu flüchten. Für Kinder ist dies der natürliche Weg, Erfahrungen zu machen, zu lernen und sich zu orientieren. Als Erwachsene ist es für uns nicht mehr selbstverständlich neugierig zu sein. Das hat zum einen damit zu tun, dass uns Neugier als Kinder durch Sätze wie „Sei nicht so neugierig!“ wieder abtrainiert wurde. Zum anderen sind wir häufig konditioniert worden, „rückwärts zu lernen“. Das heißt, wenn wir bewusst oder unbewusst etwas Neues lernen, interpretieren und ordnen wir es in den Kontext all unserer bisherigen Erfahrungen ein. Etwas salopper gesagt, wir packen neue Erfahrungen in die schon vorhandene Schubladen in unserem Hirn und das gibt uns Sicherheit. Wenn eine neue Erfahrung den alten Erfahrungen und unserem vorhandenen Wissen und Überzeugungen widerspricht, tun wir uns daher schwerer diese neue Erfahrung zu akzeptieren und aus ihr heraus zu handeln.

 

An seine Grenzen stößt das „In-Schubladen-denken-und-handeln“ in einer sich radikal wandelnden Welt mit den einhergehenden Herausforderungen. Es gibt immer weniger Konstanten in unseren eigenen Umfeldern wie Partnerschaften, Familien und Karrieren. Ganz besonders ist die Herausforderung des ständigen Wandels in der Geschäftswelt zu beobachten. Veränderung ist an der Tagesordnung. Alte Strategien und Wege, die Dinge zu lösen, funktionieren nicht mehr, weil es keinen Raum mehr für Konstanz gibt. Was heute entschieden wird, hat schon morgen keine Bedeutung mehr. Mit permanenter Veränderung umzugehen ist eine der größten Herausforderungen heutiger Unternehmen und den Menschen darin. Der Versuch, sie mit alten Strategien und nach alten Mustern zu lösen oder gar Ergebnisse vorherzusagen, mutet in der Anstrengung wie ein hochtouriger Motor im Leerlauf an.

 

Fähigkeiten wie permanente Flexibilität und Kreativität sind mehr denn je gefragt. Dazu braucht es Offenheit und Vertrauen gegenüber den sich ständig wandelnden Situationen. Vertrauen darin, dass sich in ihnen Möglichkeiten offenbaren, gekoppelt mit der Fähigkeit genau hinzusehen und zu spüren, was diese Situation braucht und anderen, neuen und unerwarteten Lösungen überhaupt die Türen zu öffnen.

 

Nur das ist leichter gesagt als getan. Es braucht eine grundsätzliche Haltung, die uns ermöglicht, das Neue zu sehen. Es braucht jene Neugier. Denn Neugier heißt sich Erfahrungen und Herausforderungen gegenüber in der Erwartung zu öffnen, dass sie ihr Potenzial und ihre Möglichkeiten offenbaren, anstatt sie in vorgeformte Strukturen und Schubladen einzuordnen und sich verleiten zu lassen, Altes neu aufzulegen.

Neugierig sein heißt, etwas aufspüren zu wollen. Neugierig sein heißt, in einer ständigen Bewegung dem Neuen Raum zu geben und herauszufinden, was es in sich birgt. Neugierig sein heißt, uns selbst und der Veränderung ganz und gar zu vertrauen. Und neugierig sein, heißt sich wieder zu erlauben, das Kind in uns auf Entdeckungsreise gehen zu lassen.

 

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