Innere Antreiber mit Wind in den Haaren

Martin Jäger/pixelio.de

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Das Jahr neigt sich schon wieder dem Ende zu. Es beginnt die Zeit, wo ich mich frage, war es ein gutes oder schlechtes Jahr. Nach außen hat sich gar nicht so viel verändert. Im Gegenteil. Es war eher eine Zeit der Stagnation, des Verharrens, des Planlosen ohne Antworten. Kurz, es ging in diesem Jahr anfangs nicht so mit mir weiter, wie ich es mir vorgestellt hatte. Innere Antreiber flüsterten mir zu: „Du musst doch…Du solltest,…So geht das nicht,…Komm in Bewegung!“ Aber es ging nicht. Jedenfalls nichts ging, was meine Antreiber befriedigt hätte. Alles, was ich sonst getan hätte, um mir das Gefühl zu geben, ich komme vorwärts, ich weiß, wohin meine Reise geht, funktionierte nicht.

Was folgte war eine Mischung aus Scham, Verunsicherung und Verletzbarkeit und ich ging häufig hart mit mir ins Gericht, was meinen Zustand nicht besser machte.

 

Was mit den Wochen und Monaten jedoch auch passierte, waren erste Momente der Akzeptanz. Ich akzeptierte, dass ich planlos war und keine Antworten wusste, was mich überraschend erleichterte. Anstatt aktionistisch meine Situation zu verändern, die sich nicht verändern ließ, ob ich nun wollte oder nicht, veränderte sich meinen Fokus. Ich begann wahrzunehmen, was in diesen Augenblicken um mich herum war: Begegnungen, Alltäglichkeiten, die Sonne und den Wind. Denn in diesem Sommer habe ich das Segeln gelernt.

 

Parallel zu meiner inneren Unzufriedenheit, fand ich mich drei Mal in der Woche als Segelanfänger auf einer Jolle am Berliner Wannsee.

Etwas Neues lernen resultiert in der Regel in dem Zustand der „bewussten Kompetenz“, was so viel heißt, dass man sehr unsicher und mit vielen Fehlern behaftet, versucht sich eine neue Fähigkeit anzueignen. Was man sich vornimmt, geht häufig schief. Das Boot will nicht, wie man will, eine unerwartete Böe lehrt einen das Fürchten und versetzt einen zunächst in helle Panik. Der Wind dreht planlos und einem bleibt nichts anderes übrig, als irgendwie zu reagieren. So richtig Spaß brachte es anfangs jedenfalls nicht. Doch es wurde immer leichter, als ich aufhörte, mir vorher auszudenken, was ich im nächsten Moment zu tun hatte. Mit jeder Stunde mehrten sich die Erlebnisse, wo ich das Boot intuitiver segelte, nicht mehr darüber nachdachte, was der nächste Schritt sein musste.

 

An diesen drei Tagen in der Woche lernte ich, dass ich beim Segeln nichts planen konnte. Jedes Manöver war davon abhängig, wie der Wind stand, und der wechselte häufig. Was ich außerdem lernte, war mich völlig auf den Wind zu konzentrieren und dem Wind zu begegnen. Er schrieb vor, was zu tun war, egal welches Ziel ich anpeilte. Nur so konnte ich mein Boot segeln, ohne in wackelige Schieflagen zu geraten. Ich lernte im Moment zu sein und meine Entscheidungen davon abhängig zu machen. Es fiel mir zunehmend leichter, mich den Umständen anzupassen, zu reagieren, zu justieren. Ich war in jedem Moment voll präsent. Ohne Plan, ohne Bild, wie es sein sollte, denn es würde sowieso anders sein. Ich musste nur da sein.

 

Aus dieser Erkenntnis heraus wurde das Segeln eine Metapher für das, was mir dieses Jahr in meinem Leben passierte und wie ich ihm begegnen konnte.

Was wäre, so fragte ich mich, wenn ich mir erlauben würde, meinem Leben ohne vorgefertigten Plan zu begegnen, ohne Ansprüche und Erwartungshaltungen an mich selbst. Wenn ich mich einfach darauf konzentriere wahrzunehmen, woher der Wind gerade kommt? Ganz und gar im Hier und Jetzt zu sein? Wenn ich darauf vertraue, dass, egal was passiert, ich mit meiner bisherigen Fähigkeit, dem Leben zu begegnen, jedem Windwechsel, jeder Böe, den Umständen begegne, aus ihnen heraus agiere? Wenn ich also meinen inneren Antreibern das Sein beibringe?

 

Die einfache Antwort war, ich würde mein Lebensboot segeln – mit Leichtigkeit.

 

 

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2 Kommentare zu “Innere Antreiber mit Wind in den Haaren

  1. Hallo Frau Schulze-Seeger,

    bei meiner Recherche zum Thema Visionsarbeit bin ich auf Ihre Seite und Ihren Blog gestoßen. Ausgerechnet Ihr Blogeintrag vom 1. November 2014 – fast ein Jahr auf den Tag zuvor – hat mich ganz besonders berührt. Aktuell gehen mir ganz ähnliche Dinge durch den Kopf, wie Sie es hier beschreiben. Sie haben das Segeln wunderbar passend als Metapher für u.a. unternehmerische Aktivitäten genutzt. Trotz intensiver Segelpraxis habe ich bisher noch keine Zeit für meinen Segelschein gefunden :-). Der ist aber für die nächste Saison ganz fest eingeplant. Es wäre schön, wenn wir uns mal auf einer Netzwerkveranstaltung persönlich austauschen können.

    Viele Grüße Romy Müllenberg

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